Friedensaktion in Jerusalem
 


ALS ROB SCHRAMA IN JERUSALEM WAR HAT ER AUF GANZ BESONDERE ART UND WEISE DEN VERSUCH GEMACHT DEN FRIEDEN ZU FÖRDERN IN DER ZEIT DASS DER ZWEITE AUFSTAND DER PALÄSTINENSER BEGANN.
Der Künstler Rob Schrama schreibt uns am 5. Oktober 2000 als er für ein Kunstprojekt in Jerusalem war:
„Da die Gewalt hier in letzter Zeit nach wie vor zunahm, bin ich begonnen damit die elementarste Antwort darauf zu geben: nämlich zu meditieren.“
Ich bin zu Gast beim Direktor der Academy of Jerusalem, einem Club von Erleuchteten die sich für ein besseres Verständnis zwischen Israelis und Palästinensern einsetzen. Der Direktor übt sich wie ich in der Transzendenten Meditation.
Ich habe den Vorschlag gemacht in der Öffentlichkeit bei der Klagemauer zu meditieren – auf einer „abgeschirmten Stelle einige Meter oberhalb des grossen Platzes.
Am letzten Mittwoch haben wir, erst zu dritt, auf mitgebrachten Kissen und Decken damit angefangen. Wir formten einen Kreis der schnell durch aufgetrommelte Freunde gefüllt wurde und wechselten die Meditationen mit Gebet und Gesang ab. Es fanden auch Gesprächskreise statt über den Zustand in Jerusalem.

Meditatie
 

Dadurch dass wir einen „Sprechstab“ herum gehen liessen, bekam jeder die Chance um seine eigene Meinung zu äussern, ohne dass man darüber diskutierte. Wir erregten von Anfang an viel Aufmerksamkeit und viele Menschen nahmen spontan an unserer Runde teil, Araber, orthodoxe Juden, ja sogar Polizisten und Soldaten. Die schrecklichsten Zeugenerklärungen bekamen wir dadurch zu hören.
Wir blieben bis tief in die Nacht und schliefen draussen. Wir wurden immer stärker, fühlten dass unsere Energie und unser kräftiges, optimistisches Verhalten die Umgebung positiv beeinflussten. Am Freitag war unsere Gruppe bis auf 20 Leute gewachsen.
Dieser Tag des Moscheebesuchs war ausgerufen zum Tag der Wut. Man fürchtete dass nach dem Morgengebet in der Al Aksa-Moschee auf dem Tempelberg die Juden an der darunter gelegenen Klagemauer durch aufständische Palästinenser bedroht würden. Unser Platz lag strategisch genau gegenüber.
Am Morgen kamen unzählige bewaffnete Militärs und Polizisten um den Platz zu besetzen. Sie hatten kaum Platz: die Decken und Kissen bedeckten fast den ganzen Platz. Die Soldaten wurden durch unsere fröhliche Stimmung angesteckt: sie lächelten und es war auch Respekt in ihren Gesichtern zu lesen. Einige kamen um sich auf Bänken bei unserem Kreis aus zu ruhen und manche sangen die israelischen Lieder mit. Auch Touristen traten spontan bei zu unserem „Circle for love and peace“.

 

Zwanzig Minuten vor dem Ende der Moschee fingen wir mit dem Schweigen an. Und stellt euch vor, gegenüber hörten wir das Gejaule und Getöse von einem Schwall fallender Steine und die ersten Schüsse. Es hörte sich an als ob ein Krieg statt findet und das eigenartige war: ich fühlte mich vollkommen ruhig und absolut sicher über die Kraft unserer Gruppe.

 
Plötzlich hörte ich das schreien von Befehlen und Leute die herum standen wurden mit Gewalt von unserem Platz entfernt. Vorsichtig bahnten die Menschen sich einen Weg entlang unseres todstillen Kreises, den Befehlen und dem Gedränge der Soldaten folgend. Das allermerkwürdigste –aber was ich eigentlich auch erwartete – geschah: sowohl die Soldaten als auch ihre Offiziere respektierten unsere Gruppe und liessen uns weiterhin meditieren. Es schien fast als ob sie uns beschützen wollen, so wie wir sie beschützten. Eine unausgesprochene Form der Solidarität. Und obwohl das Gedröhne von schweren Geschützen und das Knallen von Waffen überall um uns herum zu hören war, viel durch „unsere“ Gruppe von Militärs kein Schuss.

 


 

 

 

Nach zwanzig Minuten wurde es plötzlich eisig still um uns herum. Man hörte überhaupt nichts mehr. Ich öffnete meine Augen und sah dass erstaunte Soldaten über die Balustrade zum großen Platz bei der Klagemauer herüberschauten. Der Platz war total verlassen. „Die Soldaten haben sich zurück gezogen“, erzählte ein Offizier der im Dienst war. „Die Gewalt ist vorbei“.
Der Freundeskreis stand auf und umarmte einander. Soldaten kamen lachend und heulend zu uns, schüttelten uns die Hand, klopften uns auf die Schulter und boten Zigaretten an (die jedoch niemand nahm). Es war etwas besonderes passiert und wir wussten alle dass wir irgendwie etwas damit zu tun hatten.
„Es stimmt tatsächlich, Stille hilft gegen Gewalt“.

ROB SCHRAMA
Artikel im: TM Magazin März 2001


 
 
 
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